Es ist kühl, neblig, wolkig, aprilig. Dennoch haben sich 17 Wanderlustige mitten in Unlingen eingefunden, um mit ihrer Führerin Tatiana Braun auf den Bussen zu laufen, der auch als Heiliger Berg Oberschwabens gilt. Zahlreiche Wegeschilder unterwegs bezeugen überdeutlich, dass die Wallfahrtskirche St. Johannes Baptist von Pilgern aus allen Himmelsrichtungen angesteuert wird. Schon bald führt der Weg auf einem Waldlehrpfad weiter, gesäumt von Buschwindröschen und anderen Frühlingsblumen auf den 767 Meter hohen Berg, wo erst auf den letzten Metern überraschend das Gotteshaus aus dem Nebel auftaucht. Zwar sind die auf der breiten Panoramatafel markierten Alpengipfel von der Aussichtsterrasse nicht zu sehen, doch die plötzlich aufgerissene Nebelwand gewährt dennoch eine überraschende Sicht auf die umliegende frühlingsgrüne Landschaft.
Wie in vielen Ländern, haben Berge für die Bevölkerung eine kultische Bedeutung. So auch in Oberschwaben der Bussen. Das Wort stammt wahrscheinlich vom Keltischen ab und steht für Penis. Derartige Kultobjekte seien auf dem Bussen auch ausgegraben worden, berichtet Tatiana. Ein Indiz für Männlichkeit und Fruchtbarkeit aus der Bronzezeit (5. Jh. v. Chr.), als die Kelten vermutlich auf dem Bussen Fruchtbarkeitskulte abhielten. Bis heute suchen Frauen und Paare den Berg auf, wenn sich ihr Kinderwunsch nicht erfüllt, weswegen man in diesen Fällen von Bussakindle spricht, falls sich der Nachwuchs denn einstellt.
Eine weitere Wandergruppe bevölkert die Terrasse, als Tatiana erläutert, dass der heutige Kirchenbau aus den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts stammt. Der romanische Vorgängerbau war Sankt Leodegar, ab 1432 dem Heiligen Johannes Baptist gewidmet, aber auch der Muttergottes. Das Kloster Reichenau, das das Patronat 1693 übernahm, hat den Bussen als Wallfahrtsort ausgebaut. Die Wallfahrer schauen sich aus alter Tradition vor allem die Gemälde der Heiligen und das Abbild der schmerzhaften Muttergottes an. Nicht zu vergessen, vom Bussen bis nach Riedlingen schlängelt sich ein Schöpfungsweg. Die Stille im Kircheninneren wurde mit einem gesummten „Laudato …“ einiger der Albvereinswanderinnen stimmungsvoll mit Klängen erfüllt.
Verspricht der Blick von der Kirchenterrasse schon ein gigantisches Panorama, so steigert sich der Rundumblick noch für diejenigen, die auf den Turm der naheliegenden, ehemaligen Burg steigen (von Mai bis Oktober von 8 bis 20 Uhr geöffnet). Die weiteren Sehperlen sind der Federsee und bei guter Sicht sogar der Bodensee und natürlich die Alpen. Obwohl erst April, war der Zugang zur Turm-Aussichtsterrasse bereits offen. Ritter, Grafen und Truchsesse wechselten sich als Besitzer der Burg im Laufe der Jahrhunderte ab, im Dreißigjährigen wurde sie zerstört, heute gehört der Berg dem Landkreis Biberach.
Als optimaler Ort für ein Gruppenfoto erwies sich die Turmtreppe, bevor die Gruppe wieder nach Unlingen bergab wanderte und sich im Gasthaus Sonne zur Einkehr einfand: in einer warmen Stube und mit gastfreundlicher Bedienung.
HK














